„I've always wanted to use that spell.“
Wenn der eigene Name mit einem weltweit einzigartigen Phänomen assoziiert wird, bringt dies leider nicht nur Vorteile mit sich, vor allem nicht, wenn man Harry Potter heißt: Ist ein Hype nämlich erst einmal geboren, fällt es überaus schwer, seinen starken Fängen aus eigener Kraft heraus wieder zu entkommen. Überbordenden Fantrubel und minutiöse mediale Aufmerksamkeit vor bestimmten Terminen über sich ergehen zu lassen, ist da noch das kleinere Übel. Denn die kurzfristig getroffene Entscheidung, die Filmadaption des letzten, siebten Romans um die sagenumwobenen
Heiligtümer des Todes auf zwei Spielfilme auszuwalzen, dürfte den berühmtesten Zauberlehrling der Welt angesichts der sich nun wiederholenden Strapazen ungleich härter getroffen haben. Aber ein Endkampf will nun einmal nicht eben zwischen Tür und Angel abgefrühstückt werden, frei nach dem Motto
Doppelt hält besser. Wir wissen freilich schon längst, was das bedeutet: „
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 1“ war nur der Anfang, während uns das dicke Ende erst noch bevorsteht. Ein Ende, das nicht nur denen, die die Buchvorlage kennen, noch in markanter Erinnerung ist, sondern auch dem tragischen Protagonisten jener niedergeschriebenen Geschichte selbst. Aber auf die berühmten Helden von Heute wird b
ei produktionsinternen Entscheidungen bezüglich Filmvermarktung anscheinend nicht mehr allzu viel Rücksicht genommen. Dagegen wächst kein Zauberkraut.
Nahtlos schreitet das Schicksal voran, als Harry (Daniel Radcliffe), Ron (Rupert Grint) und Hermine (Emma Watson) nach einer weiteren waghalsigen Horkrux-Zerstörungsaktion herausfinden, dass sich ein Teil der sagenumwobenen
Heiligtümer des Todes innerhalb der Zauberschule Hogwarts verbergen soll. Selbige erfährt zu diesem Zeitpunkt gerade ihre größte Krise, da Lord Voldemorts (Ralph Fiennes) Handlanger unter der Führung von Professor Snape (Alan Rickman) mittlerweile die Macht an sich gerissen haben. Die finale Konfrontation scheint demnach unausweichlich, denn Voldemorts vorrangiges Ziel ist dasselbe wie zuvor: unter allen Umständen Harry Potter töten. Den Jungen, der damals wundersamerweise überlebt hat...
„HARRY POTTER UND DIE HEILIGTÜMER DES TODES - TEIL 2“ ist im unmittelbaren Vergleich zum Vorgänger eine Kehrtwende in allen Belangen, was aber im Endeffekt gar nicht so negativ gemeint sein soll, wie es zunächst vielleicht den Anschein hat. Denn aufgrund der Zweiteilung ist es quasi unmöglich, jeden der Filme für sich alleinstehend zu betrachten.
Deathly Hallows: Part 1 war ein an Action eher armer, dafür aber ungleich atmosphärischerer Auftakt des Finales, der sich, wie es sich für einen Prolog gehört, noch angenehm in Zurückhaltung übte und die nunmehr großzügiger bemessene Zeit sinnvoll nutzte, um die Gefühlswelt der Figuren auf den alles entscheidenden Punkt der völligen Hoffnungslosigkeit hinzuleiten. Im an- beziehungsweise abschließenden
Deathly Hallows: Part 2 liegt also nicht nur die sichtbare Welt in Trümmern. Ein Umstand, aus dem der deutlich actionreichere Nachfolger für seine Charaktere eine von Anfang existente Grundmotivation zieht, ohne die der Film nur allzu leicht als optisch bombastisches, aber inhaltlich leeres Effektespektakel abgetan werden könnte.
Gott sei Dank hat es der zu Beginn von der riesigen Fangemeinde nur sehr verhalten aufgenommene
David Yates im Laufe der Zeit aber immer besser verstanden, die Schicksale hinter der phantastischen und effektreich verzierten Fassade auszuloten. Denn trotz des anfänglich kindlichen Charakters der Verfilmungen ging es in ihnen immer um Handfestes, um greifbare Themen jenseits von Fabelwesen, Zauberei und Magie. Um alles überdauernde Freundschaft etwa, um die allererste Liebe, um die letzten Endes überbrückbaren Schwierigkeiten des Außenseitertums und um die drohende Gefährdung dieser Posten, als das Schicksal schließlich damit begann, Tod, Trauer und Verderben auszusenden. Spätestens hier nun verließ die
Harry Potter-Reihe vollends das Genre der kindgerechten Fantasy und wurde zum düsteren, dramatischen Thriller, was sich auch immer mehr in den wahrhaftig dunkler werdenden Filmen widerspiegelte. Und mit
Deathly Hallows: Part 2 erreicht Yates nun den Höhepunkt dieser Entwicklung, den er als kompromisslosen Kampf gegen das Böse inszeniert: dicht am optischen Spektakel, dem Bombast, aber auch mindestens ebenso dicht an den sich Erwehrenden, für die es hier um alles geht und die rein gar nichts mehr zu verlieren haben. Nur ihr Leben.
Ja, es geht wenig zimperlich zu in diesem zweistündigen Finale, das sich erstaunlich nahe an der Buchvorlage hält, traurigerweise jedoch gerade in entscheidenden Momenten das nötige Fingerspitzengefühl vermissen lässt. Es ist schon bezeichnend, wie sehr Yates mitsamt seinem Gefolge etwa darauf bedacht ist, inmitten umstürzender Mauern die Standfestigkeit des Trios Harry, Ron und Hermine zu betonen, während der Kampf ihrer Freunde und Verwandten sich scheinbar auf einem bloßen Nebenkriegsschauplatz abspielt und dadurch allzu viel Distanz entstehen lässt. So wird zwar kein tragischer Tod aus dem Roman ausgelassen, aber die offenkundig nur aus Pflichtschuldigkeit an den Tag gelegte Vorlagentreue enttäuscht ob ihres hastigen Abspulens doch schon etwas, gerade weil es sich teilweise um Figuren handelt, denen in den Vorgängerfilmen deutlich mehr Präsenz zugebilligt worden war. Die Einzelschicksale mögen berühren, sie entfalten aber nicht einmal annähernd ihre volle, emotionale Wirkung. Wichtig ist der Junge mit der Narbe, seine Bestimmung in dieser Geschichte. Da wird selbst die großartige
Maggie Smith („
Eine Leiche zum Dessert“ [1976]) zum Stichwortgeber, kann aber immerhin mit einem der vielleicht besten Zitate der gesamten Reihe einen kleinen, feinen Akzent setzen. Ähnlich verhält es sich mit den Mimen
Julie Walters („
Mamma Mia!“ [2008]) und
Ciarán Hinds („
München“ [2005]), die sich aufgrund von
Steve Kloves' Drehbuch leider etwas unter Wert verkaufen müssen. Einzig der wunderbare
Alan Rickman („
Robin Hood - König der Diebe“ [1991]) darf sich geehrt fühlen, seiner zwielichtigen Rolle des Professor Severus Snape, dem hier wie bereits im Roman eine wichtige Bedeutung zukommt, noch ein allerletztes Mal alles abzuverlangen.
Ansonsten kommt kein Altstar gegen sie an:
Daniel Radcliffe,
Rupert Grint und
Emma Watson, die wir nun schon 10 Jahre lang beim Erwachsenwerden begleiten durften, liefern als grundverschiedenes Trio, das von Anfang die Sympathien auf seiner Seite hatte, eine mehr als solide Performance ab, wenngleich natürlich noch deutlich Luft nach oben vorhanden ist. Doch die drei Jungstars sind merklich reifer geworden und wortwörtlich an ihren Aufgaben gewachsen. Genau wie die Charaktere, die sie jahrelang verkörperten. Dies gibt der Reihe zum Schluss noch einmal die Möglichkeit, komplett aus den Vollen zu schöpfen. Und es hat sich trotz einiger Mängel gelohnt. Denn mit dem zuvor sträflichst vernachlässigten
Matthew Lewis („Wasteland“ [2012]), all die Jahre der leicht schusselige Neville Longbottom, dem in
Deathly Hallows: Part 2 gegen Ende hin dankenswerterweise noch einige wirklich gute Szenen spendiert werden, schafft der Film kurz vor Schluss gar noch etwas eigentlich Unmögliches: glaubwürdig ein vierköpfiges Trio zu präsentieren. Und man nimmt es schlicht und ergreifend hin, ganz gleich, wie der Film auch enden mag (diese Rezension gibt darüber bewusst keine Auskunft): Eine schönere Liebeserklärung konnte David Yates all denen, die jahrelang mit Harry Potter, seinen Freuden und Hogwarts gemeinsam in die Welt des Phantastischen eingetaucht sind, überhaupt nicht machen. Gänzlich ohne Zauberei, dafür aber aus tiefstem Herzen. Die zauberhaftesten Momente sind nämlich doch immer noch die, die rein gar nichts mit übernatürlichen Phänomen zu tun haben, sondern der Realität entspringen. Loyalität für Freunde beispielsweise. Auch und gerade in der dem Anschein nach sehr eigenen Welt des Harry Potter.
Das ist es also, das Ende des nun bereits erfolgreichsten Film-Franchise aller Zeiten. Einer Geschichte über den altbekannten Kampf vom Guten gegen das Böse, die trotz ihrer vordergründig phantastischen Ausrichtung immer auch durchblicken ließ, dass die ach so geheimnisvolle Zauberschule Hogwarts im Grunde gar nicht so weit von unserer Realität entfernt liegt. Und da sich selbst unsere Realität zuweilen nicht allzu perfekt präsentiert, verzeiht man im Nachhinein gnädig den ein oder anderen Schönheitsfehler, der sich in das filmische Harry Potter-Gesamtwerk geschlichen hat. Ein leichter Anflug von Wehmut mag einem hier durchaus unterstützend unter die Arme greifen, wie so häufig in den Fällen, wenn einst Liebgewonnenes plötzlich ein Ende findet. Doch es hat sich gelohnt, zehn lange Jahre lang. Und während die Welt sich unbeeindruckt weiterdreht, alles irgendwie gut war, ist und hoffentlich auch bleibt, blickt unsereins verstohlen zurück und fragt sich, warum die Zeit eigentlich immer so rasend schnell fortschreitet. Gerade erst erfahrene Eindrücke werden schon wieder zu Erinnerungen, als wenn irgendwo ein kleiner Zauberschüler mit der Zeit herumexperimentiert. Wir wissen es nicht, zumindest nicht besser. Was bleibt, sind Erinnerungen, die gepflegt werden sollen. Ob mit oder ohne Magie.
„Accio Vergangenheit!“